Veröffentlicht am: 18 April 2018, 07:57

Streit, Stille und Gebet

Der Höhepunkt des Konflikts um den 8. Jahrestag der Katastrophe von Smolensk ist verklungen. Herr Macierewicz wiederholte fast unverändert die alten Informationen, die diesmal als technischer Bericht getarnt waren und mittlerweile auch von seiner eigenen Partei ignoriert werden. Die wie immer verlorene Opposition wusste nicht, wie sie sich verhalten und was sie sagen sollte. Die einzigen Bilder im Fernsehen, die es wert waren angeschaut zu werden, waren die der damals wirklichen Trauer in Polen, das mehrtägige ehrenhafte Verhalten der Politiker aller politischen Richtungen.

Wenig später wurde klar, dass es die Ruhe vor dem Sturm war, der seit nunmehr acht Jahren andauert und die Gräben der Feindschaft weiter vertieft, alle trennt und nicht nur die Welt der Politik teilt, sondern auch die Gesellschaft, die Familien und die Kirche. Er schreckt auch nicht davor zurück, die Opfer ihrer Würde zu berauben und das Gedenken an Lech Kaczyński selbst wird der Lächerlichkeit ausgesetzt, statt ihm einen würdigen Platz in der Erinnerung der Menschen zu geben. Leider sehen so die Früchte der Übertreibung, der erzwungenen Interpretation und des Gedenkens sowie des Konflikts aus.

Doch auch ich möchte mir meine Erinnerung an den 10. April 2010 bewahren. An diesem Tag war ich auf Einladung von Christine Czaja, der Tochter von Herbert Czaja, des einstigen Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, bei einer Konferenz der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Stuttgart. Gleich zu Beginn der Konferenz erhielt ich eine SMS, die aus den wenigen Worten bestand: Präsident Kaczyński ist tot. Ich weiß heute nicht mehr, von wem die SMS kam. Einige Minuten später erhielt ich eine weitere Textnachricht, aus der hervorging, dass er zusammen mit seiner Frau und vielen anderen Menschen bei einer Flugzeugkatastrophe ums Leben gekommen ist. Es war eine so unglaubliche Nachricht, dass ich sie keinem weitergesagt habe, sondern den Saal verließ und einige Anrufe tätigte, um mich zu vergewissern, dass sie stimmt.

Ich kehrte dann in den Saal zurück und bat um eine Pause in den Referaten. In wenigen Worten sprach ich über die Katastrophe, über den Tod aller 96 Passagiere an Bord und bat um eine Schweigeminute zu ihrem Gedenken. Ich empfand es als meine Pflicht, sowohl weil ich aus Polen kam, als auch aus dem Bedürfnis des Gebets in dem damaligen Moment. Erst später wurde mir das Paradoxe der Situation klar, dass nun etwa 100 Mitglieder des Bundes der Vertriebenen in Stille und Gebet in Stuttgart des polnischen Präsidenten und seiner Begleiter gedachten, die in der Katastrophe starben. Eines Bundes, dem über Jahrzehnte in Polen jedwede Ehre abgesprochen wurde und man aus seiner damaligen Vorsitzenden Erika Steinbach den obersten Feind Polens machte. Ihr aufrichtiges Gebet von damals will ich in meiner Erinnerung behalten.

Autor: Bernard Gaida