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Konzert: „Der, den ich will…”

Konzert: „Der, den ich will…” Foto: Bernard Gaida

Der Besuch in Prag aus Anlass der Eröffnung der Ausstellung über die deutschen Minderheiten in 25 Ländern Europas gab mir die Chance erneut die unweit von uns lebenden Deutschen zu treffen und sich mit ihrer Situation auseinander zu setzen. Es ist einerseits immer eine Möglichkeit zu einem Vergleich, auch wenn dieser nicht immer maßgebend ist, auf der anderen Seite ist es wieder eine Reflexion über das Schicksal der Deutschen.

Nach den Angaben aus der Volkszählung leben in Tschechien ca. 20.000 Deutsche. Doch, ähnlich wie in Polen, schätzt die Minderheit die Zahl derjenigen Staatsbürger Tschechiens, die von ihrem Deutschtum überzeugt sind, viel höher ein. Mindestens doppelt so viele. Vor einer eindeutigen Deklaration zu ihrer Identität hindert sie allerdings sowohl die Geschichte als auch die Gegenwart. Denn, so betonen heute Historiker, es kam neben den Vertreibungen der Deutschen aus ihrer Heimat auch zu Morden von hilflosen Bewohnern vieler Dörfer in den Sudeten. Je nach Quellen werden Zahlen zwischen 19.000 und 30.000 ermordeten Zivilisten genannt, daneben erscheint die Zahl von 200.000 Deutschen, die in den Jahren 1945-1947 verschollen sind. Diese Morde geschahen meistens spontan, man könnte fast sagen gesellschaftlich gewollt, denn die Täter waren keine militärischen Formationen, sondern "normale" Tschechen.

Diese tragische Geschichte schreckt viele, die sich in der Tschechoslowakei nach dem Krieg ein Leben aufgebaut haben, von jeglichen Deklarationen zu ihrem Deutschtum ab. Um so mehr, dass das Thema der tschechischen Repressalien gegenüber Deutschen bis vor kurzem noch ein Tabuthema gewesen ist. Erst seit wenigen Jahren gibt es auch eine bürgerliche Bewegung junger Tschechen, die an die Folterorte für Deutsche erinnert, Gedenkmärsche für die Ermordeten organisiert und eine Abrechnung mit den Verbrechern fordert.

Tschechen mit deutschen Wurzeln muss es aber deutlich mehr geben, wenn man sich vergegenwärtigt, dass nach der Gründung der Tschechoslowakei nach dem Krieg die Deutschen 25% der Bevölkerung ausmachten, wobei die Tschechen nur 50% darstellten. Doch die stetige, vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges brutal geführte Kulturpolitik diente der Eliminierung des Deutschtums aus der Gesellschaft. Eine wirksame Politik, wie die heutige Zahl der Deutsche zeigt. Man könnte sagen, dass es nicht anders gewesen ist als in Polen, mit der Ausnahme, dass die Deutschen in der Tschechoslowakei ihre Staatsbürger schon vor dem Krieg gewesen sind.

An die multikulturelle Tschechoslowakei im Moment ihrer Gründung versucht heute die deutsche Minderheit zu erinnern. In dieser Woche findet in Prag ein Konzert der Sängerin mit deutschen, tschechischen und polnischen Wurzeln Renata Drössler statt, die daran erinnern will und ihr Konzert auf Deutsch, Polnisch, Jiddisch, Slowakisch und Tschechisch singen wird. Das Konzert ist verbunden mit Diskussionstreffen für Jugendliche, die ihnen den Wert der Kultur näher bringen sollen, die früher in Mitteleuropa Normalität gewesen ist, heute aber nicht mehr existiert. Das Konzert kommt auch in unsere Nähe: am 15. Mai nach Mährisch Schönberg und am 16. Mai nach Troppau. Vielleicht ist es eine Gelegenheit zur Teilnahme.

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