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Gedenken auf dem St. Annaberg

Am Dienstag, den 3. Mai, gedachten Vertreter der deutschen Stadt der Gefallenen während der schlesischen Aufstände. Blumen wurden sowohl auf den Gräbern der deutschen Verteidiger des St.-Anna-Berges als auch auf polnischen Aufständischen und Soldaten niedergelegt. "Die gleiche Ehre wurde den tragisch Gefallenen des Krieges erwiesen, der durch die Volksabstimmung friedlich beigelegt werden sollte und dessen Ergebnis vom damaligen Polen nicht akzeptiert wurde", erinnerte der Vorsitzende des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Bernard Gaida. Unten finden Sie den vollständigen Text seiner Rede:

Wir stehen an einem sehr merkwürdigen Ort. Das ist von einer Seite eine Ruhestätte, von der anderen Seite aber ist das auch ein Symbol der Geschehnisse des Jahres 1921. Nebeneinander liegen hier die Aufständischen aus Schlesien, die polnischen Kadetten sowie die sterblichen Überreste der Freikorpskämpfer. Das zeigt, wie sehr der Konflikt damals kein wirklicher Aufstand gewesen ist und wie sehr er heute zu der modernen Bezeichnung des „Hybridkrieges“ passt. Jetzt aber, 100 Jahre danach, sehen wir nur die Gräber der tragisch Gefallenen mit zum Teil geheim bestatteten Überresten. Als Ruhestätte ähnelt der Ort den Soldatenfriedhöfen vom Ersten Weltkrieg, die ich in Ostpreußen gesehen habe, wo an dem Zentralkreuz geschrieben steht: „Freund und Feind im Tod vereint“. Leider sind oft die Lebenden aber nicht vereint.

Als Vertreter der deutschen Minderheit, 100 Jahre nach den Kämpfen des „polnischen Aufstands in O/S", möchten wir jedoch zeigen, dass wir dazu gewachsen sind, trotz Unterschiede im historischen Bewusstsein, allen Gefallenen die Ehre zu erweisen und für alle zu beten. Das erwarten wir auch von unseren Nachbarn und Staatsvertretern. Das haben wir auch vor 10 Jahren vom Staatspräsidenten Komorowski deutlich gehört, als er sagte: "Erinnern wir uns auch daran, dass den Aufständischen auch andere Schlesier gegenüberstanden – und zwar diejenigen, die sich als Deutsche fühlten und wollten, dass Schlesien Teil des deutschen Staates bleibt. (...) Wir respektieren hier auch ihre Entscheidungen."

Gedenken auf dem St. Annaberg / Upamiętnienie na Górze Św. Anny. Foto: VdG Gedenken auf dem St. Annaberg / Upamiętnienie na Górze Św. Anny. Foto: VdG

Trotz unseren Appell vom letzten Jahr am 2. Mai hat man wieder einseitig den Ausbruch des Blutvergießens hier gefeiert. So wie wir es vor einem Jahr initiiert haben, werden wir am 5. Juli mit einem Gottesdienst das Ende der Kämpfe und den Anfang des Stillstandes im damaligen Oberschlesien begehen. Dadurch möchten wir zeigen, und besonders in den Zeiten des Angriffs Russlands auf Ukraine, dass wir wirklich für Frieden und für Lösung aller Probleme auf demokratischem Wege sind. Damals hat man das mit der Volksabstimmung versucht. Leider war das damalige Polen sowie ein Teil der Bevölkerung mit deren Ergebnis nicht einverstanden und wollte das militärisch entscheiden.

Gedenken auf dem St. Annaberg / Upamiętnienie na Górze Św. Anny. Foto: VdG Gedenken auf dem St. Annaberg / Upamiętnienie na Górze Św. Anny. Foto: VdG Gedenken auf dem St. Annaberg / Upamiętnienie na Górze Św. Anny. Foto: VdG

Wir stehen an den Gräbern der Menschen, die dafür ihr Leben geopfert haben. Symbolisch gedenken wir der Tragödie der Teilung Schlesiens, der Teilung unter den Menschen und der Teilung der Herzen. Hoffentlich wird unser Appell noch breiter gehört, kommt in die Schulbücher rein, wird zum Teil der Erziehung der nächsten Generation und wird symbolisch die deutschen Schlesier und die Polen miteinander verbinden.

In diesem Sinne bitte ich um ein gemeinsames Gebet für alle Opfer des tragischen Jahres 1921.

Tragödie der Deutschen im Osten: Gedenken 2022

Das Schicksal der deutschen Bevölkerung in Mitteleuropa [nach dem Zweiten Weltkrieg] war ähnlich: Vertreibungen, sog. Arbeitslager, Deportationen in die UdSSR, Vergewaltigungen, Leid und Tod. So war es in Rumänien, in Ungarn, in der Tschechoslowakei und in ganz Ostdeutschland, also in Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen, in Danzig, Lodsch und Posen. Wenn wir hier an der Gedenktafel oder Gräbern der in Schlesien ermordeten stehen, denken wir also auch an die getöteten Sudetendeutschen, die aus Siebenbürgen deportierten, die aus Ungarn Vertriebenen, die in Ermland vergewaltigten Frauen, die in Königsberg verhungerten Kinder, die Waisen aus Masuren, die in litauischen Wäldern herumirrten, die Mütter, denen man in Potulitz ihre Säuglinge weggenommen hatte. (Bernard Gaida, Lamsdorf 2018).

Wie in den Vorjahren wird der Verband der Deutschen Gesellschaften das tragische Schicksal der Deutschen im Osten gedenken. Im Jahr 2022 finden die Feierlichkeiten bereits zum elften Mal statt. Wir laden Sie herzlich zu der Andachtzeremonie in Lamsdorf ein: am 30.01.2022; Beginn um 15:00 Uhr. Im Programm der Zeremonie:

  • Andacht in der Kirche St. Maria Magdalena in Lamsdorf;
  • Gedenken an die Opfer auf dem Friedhof, Niederlegen der Kränze;
  • "Arbeitslager im Nachkriegspolen" - Vortrag von Bogusław Kopka, PhD, Historiker, Absolvent der Fakultät für Geschichte der Universität Warschau, Autor zahlreicher Publikationen, u. a. Arbeitslager im stalinistischen Gefängnissystem der Volksrepublik Polen (1944-1950) - Organisation und Grundlagen des Funktionierens (2006; auf dessen Grundlage erhielt er seinen Doktortitel), Arbeitslager in Polen 1944-1950. Enzyklopädischer Leitfaden (2002) sowie Gulag an der Weichsel. Kommunistische Lager (2019). 

Der Verband wird einen Bus nach Lamsdorf organisieren. Telefonische Anmeldungen sind bis zum 26. Januar 2022 möglich: +48 77 454 78 78.

Gedenken in Lamsdorf / Upamiętnienie ofiar w Łambinowicach

Die Kraft der Mythen

Bereits im Jahr 2019 appellierten wir an polnische Politiker in der Resolution des VdG, nach 100 Jahren der Haltungen beider oberschlesischen Seiten des Konflikts zu gedenken und trotz Abwesenheit der eingeladenen Politiker legten wir konsequent Kränze an Gräbern deutscher und polnischer Gefallener nieder, sowohl im Mai, Juni als auch am 5. Juli dieses Jahres, während der ersten Jubiläumsfeierlichkeiten zum Ende der Kampfhandlungen des Jahres 1921. Wieso wir, schlesische Deutsche, ab diesem Jahr gerade dieses Ereignis feiern wollen, versuchte ich in meiner Rede bei der Eröffnung der Ausstellung des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit im Pilgerheim auf dem St. Annaberg zu erklären. Ich sagte: „Wir sind zu der Ansicht gekommen, dass es Zeit ist, um in Ruhe die ganze Geschichte zu erzählen und die Opfer nicht nach ihrer Nationalität oder gewählten Option zu bewerten. Wir haben entschieden, dass wir selbst, als Deutsche, deutsche Schlesier, über den Gräbern der Opfer nicht über deren Recht oder Unrecht streiten, sondern mit gesenktem Haupt aller gedenken werden. (…) Wir wissen, dass wir damit im Unterbewusstsein eingeprägte Stereotypen aufbrechen, doch uns kommt das Christentum mit den Zehn Geboten und dem Wertesystem zu Hilfe, das verlangt, Blutvergießen und Verbrechen zu verdammen und sich dem zuzuwenden, was Frieden und Eintracht bringt. (…) Wir haben entschieden, im Gegensatz zu der vor 100 Jahren beschlossenen Konzeption den Ausbruch des Dritten Aufstandes, also den Beginn des Konfliktes, des Blutvergießens auch unter Brüdern zu feiern, im Gebet dafür zu danken, dass das Töten aufgehört hatte, dass die Polen zurück nach Polen, die Bayern zurück in ihre Heimat gingen und die zurückgebliebenen Schlesier, obwohl sie die größten Verlierer gewesen sind, sich wieder friedlich verständigen mussten.“

Leider wurde unsere Bitte nicht verstanden, worauf ein Schreiben an mich von Minister Jarosław Sellin hinweist, der nur die „polnische Erinnerungspolitik“ unterstreicht. Über diese Erinnerungspolitik sagte ich: „Solide Historiker, die heute befreit vom Korsett „der bestellten Wahrheit“ in der Zweiten Polnischen Republik, die in der Volksrepublik übernommen wurde und noch heute zu oft unreflektiert in der Dritten Republik wiedergegeben wird, haben bereits bewiesen, dass „der spontane Aufstand des schlesischen Volkes“ ein Mythos ist, dem die Form der Feierlichkeiten, Gedenkveranstaltungen und Lehrbücher unterstellt werden.“

Die Zeit vergeht und irgendwann muss die polnische Erinnerungspolitik in Oberschlesien erkennen, dass „für einige diese Ereignisse zum Sieg der polnischen Option und der Angliederung eines weiteren Teils Deutschlands an Polen führten, für andere eine bis heute andauernde Teilung unter den Schlesiern, den Verlust der Heimat, den Beginn der institutionalisierten Polonisierung bedeuten. (…) Doch wir warten nicht passiv, sondern gehen aktiv voran und initiieren Kranzniederlegungen auf den Gräbern Lemberger Kadetten und deutscher Verteidiger Oberschlesiens“. Vielleicht wird eines Tages der Glaube an die Mythen in Polen geringer und die vereinte Erinnerung wird zum Standard.

Bernard Gaida

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„Wir verneigen den Kopf, um sie alle zu ehren“

Am 5. Juli, am 100. Jahrestag der Beendigung der Kampfmaßnahmen des Jahres 1921, fand auf dem St. Annaberg eine Gedenkfeier statt. "Heute in der Eucharistie beten wir um Frieden, Eintracht, Einheit, Verantwortung, freundschaftliche Zusammenarbeit aller Einwohner unseres geliebten schlesischen Landes. Möge letztendlich in uns Liebe Gottes und die versöhnte Vielfalt siegen. (...) Und diese Stunde und diese unsere Feier hier, sie ruft: Leben wir im Frieden; sorgen wir gemeinsam um Eintracht und Frieden", sagte in seiner Predigt in der Annaberger Basilika der Bischofsvikar Piotr Tarliński.

Gedenken der Opfer der Kampfmaßnahmen des Jahres 1921. Pfarrer Piotr Tarliński (links), Lars Kawczyk (mitte).

Kurz nach der Messe legten Vertreter der deutschen Minderheit auf dem Annaberger Friedhof Kränze und Grablichter auf Gräbern der deutschen und polnischen Gefallenen nieder. Die Idee des Gedenkens erklärte in seiner Rede Vorsitzender des VdG, Bernard Gaida:

Ich werde später Polnisch sprechen, um von allen verstanden zu sein, aber lassen Sie mich bitte Deutsch anfangen mit den wichtigen Worten vom Gedicht von Lars Kawczyk aus Buethen:

„Es kam die Zeit für Blut und Raub,
die Himmel in Flut und Staub.
Die Ehre und das stolz völlig hinweg.
Ach war das für ein schreck.
Um das Land wurde gestritten,
völlig außer Kraft, wurde es zerrissen.
Wir denken an alle,
verstorbene Kinder, Männer und Frauen,
und jede Male,
wenn wir ein neues Oberschlesien bauen“.

Ich begrüße herzlich alle, die heute zur heutigen Feier gekommen sind, die wir als VdG-Arbeitsgruppe ausgedacht haben. Auf diese Idee sind wir zum Zeitpunkt gekommen, als wir erkannt hatten, dass einer der größten Mängel der Feierlichkeiten, die im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1919-1922 stehen, ist ein diametraler Unterschied auf unserem schlesischen Boden: damals in Einstellung dazu und heute in Betrachtung dieser Ereignisse. Für die einen haben diese Ereignisse zum Sieg der polnischen Option und zum Anschluss eines weiteren Teils Deutschlands zu Polen geführt, für die anderen bleiben sie bis heute die Tragödie der Spaltung zwischen Schlesiern, der Verlust der Heimat und der Beginn der institutionellen Polonisierung. Es gibt sogar Historiker, die meinen, dass diese Ereignisse dem größten der Kriege des 20. Jahrhunderts zugrunde liegen.

Gedenken der Opfer der Kampfmaßnahmen des Jahres 1921. Vorsitzender des VdG, Bernard Gaida (links), Musikband BSA Brass (mitte), Monika Wittek (VdG, rechts).

Aufrichtige Historiker, die heute aus dem Korsett der "bestellten Wahrheit" in der Zweiten Republik Polen befreit sind, der von der kommunistischen Volksrepublik Polen übernommen und in der heutigen Dritten Republik Polen immer wieder allzu oft unreflektiert bekennt wird, haben bereits bewiesen, dass der "spontane Aufbruch des schlesischen Volkes" ein Mythos ist, dem die Form von Feierlichkeiten, Gedenkfeiern und Schulbüchern untergeordnet wird. Das VdG-Delegiertentreffen, das höchste Gremium der deutschen Minderheit in Polen, forderte bereits ab 2019 die Behörden aller Ebenen dazu auf, diese Ereignisse zu ihrem 100. Jahrestag aufrichtig zu feiern, d. h. in dem Bewusstsein, dass die Mehrheit der damaligen Schlesier Oberschlesien innerhalb der deutschen Grenzen haben wollte, was sie in der Volksabstimmung zum Ausdruck gebracht haben; dass der Aufstand aus Polen initiiert, bezahlt und geführt wurde und dass die Alliierten und insbesondere die Franzosen hier ihre eigene Politik der maximalen Schwächung Deutschlands und der Übernahme der schlesischen Industrie verfolgten. Aber schließlich hat diese Teilung nicht nur unsere Heimat gespaltet, sondern auch Tausende von schlesischen Familien zerrüttet und zu ersten Vertreibungen in Schlesien geführt. Weil aber alle in Polen diesen Mythen 90 Jahre lang nachgegangen sind, blieb unsere schlesische und deutsche Wahrheit über sie in den Familien verborgen. Ein Ausbruch war die Rede des Präsidenten Bronislaw Komorowski vor zehn Jahren, in der er auf meine Bitte hin zugegeben hat, dass den Aufständischen andere Schlesier gegenüberstanden, die ihre Heimat als Teil Deutschlands verteidigten, und dass sie dazu das Recht hatten.

In diesem Jahr haben die meisten in Polen geplanten Feierlichkeiten und Gedenkfeiern gezeigt, dass unser im April dieses Jahres wiederholter Appell auf vielen Ebenen sowie im Kulturministerium auf völliges Missverständnis gestoßen ist, was vor allem Sejmabgeordneter Jaroslaw Sellin in einem Brief an VdG zum Ausdruck gebracht hat. Umso wichtiger ist die Idee, die in der VdG-Arbeitsgruppe entstand: das stereotype Denken über sogenannte Aufstände zu ändern. Denn bereits mit Begriffen haben wir ein Problem: Darf ein Kadett aus Lemberg, ein beurlaubter Soldat aus Tschenstochau, ein hoher Offizier der Polnischen Armee aus Posen als "Schlesische Aufständische" bezeichnet werden? Kann man militärische Aktionen mit polnischen gepanzerten Zügen, Artillerie und Zehntausenden von Gewehren, die über die Grenze gezogen und von Menschen betrieben wurden, die aus dem polnischen Staatshaushalt bezahlt wurden, als "Schlesischer Aufstand" bezeichnen? Um Gerechtigkeit willen muss man sagen, dass sie in Schlesien natürlich gegen Freiwillige aus Bayern und anderen Teilen Deutschlands gekämpft haben, aber können diese als Diversanten bezeichnet werden, wenn sie die Integrität ihres Staates im Einklang mit dem Ergebnis der Volksabstimmung verteidigt haben? In unserer Arbeitsgruppe waren wir der Meinung, dass es nach 100 Jahren an der Zeit ist, die ganze Wahrheit in Ruhe zu erzählen und die Opfer nicht nach Nationalität oder der von ihnen vertretenen Option zu bewerten. Wir haben beschlossen, dass selbst als Deutsche, als die deutschen Schlesier, werden wir nicht über die Gräber der Opfer um ihre Argumente streiten, sondern indem wir den Kopf verneigen, werden wir sie alle ehren. Als deutsche Minderheit haben wir das am 2. Mai, am 6. Juni und heute getan. Das Opfer des Lebens fordert eine solche Verehrung. Aber wir erwarten dies heute und morgen von allen, sowohl in der historischen Darstellung als auch in Gedenkfeiern jeglicher Art.

Kranzniederlegung (Annaberger Friedhof).

Wir wissen, dass wir verwurzelte, unbewusste Stereotype brechen, aber zu Hilfe kommt uns das Christentum mit dem Dekalog und einem Wertesystem, das verlangt, Blutvergießen und Verbrechen zu verurteilen und sich allem zuzuwenden, was Frieden und Zustimmung mit sich bringt. 1983 zur Versöhnung auf unserem Land rief Johannes Paul II. Diese Versöhnung aber muss damit beginnen, dieses System der Werte und der vollen Wahrheit auch im öffentlichen Raum anzunehmen. Um also die Denkmuster zu durchbrechen, erfanden wir diesen Gedenktag, auf den uns Roland Skubała aufmerksam machte, als den Tag, an dem in Schlesien dieser Zeit das Blutvergießen offiziell endete. Wir haben uns im Gegensatz zu dem seit 100 Jahren angenommenen Konzept entschieden, nicht den Ausbruch des dritten Aufstandes zu feiern, d. h. den Ausbruch eines Konflikts, den Beginn eines oft brüderlichen Blutvergießens, sondern im Gebet dafür zu danken, dass die Tötung endlich aufgehört hat, dass die Polen nach Polen zurückgekehrt sind, die Bayern nach Bayern und dass die in schlesischen Häusern Verbliebenen, obwohl sie menschlich die größten Verlierer waren, wieder friedlich zurechtkommen mussten. Am Samstag in Lubowitz drückte ich spontan einen Gedanken aus, der mir passend erscheint, dass, solange der 1. September als Tag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs gefeiert wird, es sowohl in als auch außerhalb von Deutschland ein Tag des Nachdenkens ist; nirgendwo aber wird dieser Ausbruch mit Stolz oder Freude gefeiert. Und im Mai in Schlesien habe ich immer das Gefühl, dass man die Menschen in der Öffentlichkeit, die Schüler in den Schulen, Zuschauer vorm Fernsehen und die Gläubigen in den Kirchen dazu bringt, Stolz und Freude über den Ausbruch eines Konflikts zu empfinden. Auch gegen Mitbürger, deren Vorfahren zu den 60 % gehörten, die weiter in Deutschland leben wollten.

Wir müssen wohl damit beginnen, damit wir eines Tages Polen und Deutsche hier in Schlesien gemeinsam gedenken, all unsere Gefallenen ehren und das Leben in Frieden und mit einer versöhnten Erinnerung feiern können. Mai 2021 hat uns noch nicht dazu gebracht, und es ist schade. Die deutsche Minderheit wird jedoch hoffentlich diesen Weg nicht verlieren, und auch meine Nachfolger werden den 5. Juli auf dem Annaberg eröffnen, basierend auf dem Patriotismus, der in der Lehre des heute bereits erwähnten Johannes Paul II. enthalten war. Er wurde am besten von Prof. Stefan Świeżawski charakterisiert, einem schon verstorbenen bedeutenden Philosophen und Freund des Heiligen Vaters. Es geht nämlich um Patriotismus, der von jedem Nationalismus befreit ist, um jede Abneigung gegen andere; Patriotismus, der sich bei uns in Polen so wunderbar, so großartig in der Zeit der Jagiellonnen entwickelt hat. Leider wurde es nicht richtig umgesetzt, sondern verschwendet. Zu einem solchen Patriotismus, mit dem jedem Nicht-Polen unter den Flügeln der Republik Polen genauso gut geht wie den gebürtigen Polen, ruft Johannes Paul II auf. Dazu möchte ich hinzufügen, dass dann auch die historische Erinnerung dieser Nicht-Polen akzeptiert werden muss. Und der Papst selbst schrieb: "Das Besondere am Nationalismus ist, dass er nur das Wohl seines eigenen Volkes anerkennt und es nur anstrebt, ohne mit den Rechten der anderen zu rechnen. Patriotismus hingegen, als Liebe zum Vaterland, gewährt allen anderen Nationen das gleiche Recht wie seiner eigenen und ist daher der Weg, die gemeinschaftliche Liebe zu klären." Wir warten nicht passiv darauf, sondern gehen wir vorwärts und initiieren den Brauch, Kränze an den Gräbern sowohl der Lemberger Kadetten als auch der deutschen Verteidiger Schlesiens zu legen.

Ich danke dem Bischof für seine Unterstützung unserer Bemühungen und lade heute noch zu einer Ausstellung des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit und zu einem Film des Oberschlesischen Landesmuseums in Ratingen ein, der in Zusammenarbeit mit dem HDPZ entstanden ist. Ich hoffe, dass die Schöpfer sowohl in einem als auch im anderen die Erwartung der vollen Wahrheit und Erinnerung erfüllt haben.

Ausstellung des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit. Auf dem Foto in der Mitte sprechen Lucjan Dzumla (Direktor des HDPZ) und Dawid Smolorz (Autor der Ausstellung)

Während der Veranstaltung wurde erstmals die Ausstellung „1919-1922. Konflikt um Oberschlesien. Volksabstimmung und Teilung der Region“ gezeigt, die vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit erstellt wurde und in der verschiedene Themen im Zusammenhang mit der Volksabstimmung vorgestellt wurden, u. a.: Propagandaaktivitäten beider Seiten, Ergebnisse der Volksabstimmung oder Grenzverlauf. Den Inhalt der Ausstellung stellte deren Autor Dawid Smolorz dar. Die vom HDPZ vorbereitete Ausstellung ist eine mobile Ausstellung; geplant ist, diese an verschiedenen Orten zu zeigen. Die Organisationen, die Interesse daran haben, sind zum Kontakt eingeladen. Interessierte Leser können sich beim HDPZ auch melden, um ein Exemplar des Volksabstimmungsatlasses zu erhalten, der detaillierte Ergebnisse der Volksabstimmung in den einzelnen Ortschaften enthält.

Von links: Atlas des Plebiszits (Foto: HDPZ), Aufführung des Films des Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen, historische Rekonstruktion.

Abschließend hatten die Teilnehmer auch die Möglichkeit, den Dokumentarfilm „Ein europäischer Konflikt. Der Abstimmungskampf um Oberschlesien 1921“ des Oberschlesischen Landesmuseums in Ratingen zu sehen. Das Video ist auch auf der Website des Oberschlesischen Landesmuseums in Ratingen HIER verfügbar. Wir empfehlen Ihnen, den Film zu sehen.

3 loga

Das Projekt wurde aus Mitteln des Konsulats der Deutschen Republik in Oppeln finanziert.

konsulat rfn oppeln

Gedenken an die Opfer des Jahres 1921

Dieses Jahr vergehen 100 Jahre von den Ereignissen in Oberschlesien. Am 5. Juli 2021, am Tag der Beendigung der Kämpfe, möchte der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften eine Feierlichkeit auf dem St. Annaberg veranstalten. Im Programm sind vorgesehen:

Wir würden uns über Ihre Anwesenheit an dieser Feierlichkeit sehr freuen.

Bestätigen Sie bitte Ihre Anwesenheit. E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Tel.: + 48 77/453 85 07, + 48 602 263 655.

Organisatoren, Partner:

Organisatoren

Das Projekt wir aus Mitteln des Konsulates der Bundesrepublik Deutschland in Oppeln finanziert. 

Konsulat RFN Oppeln

Die Sprache der Kränze

Ich habe schon früher über die Wallfahrt der Minderheiten auf den Sankt Annaberg geschrieben, also sollte ich das Thema hier auch abschließen. Vor dem Hochamt am Sonntag habe ich gesagt, dass der Berg die Mehrheit der dort Versammelten von Kindesbeinen bis zum Seniorenalter begleitet. Diese Worte waren für mich umso symbolischer, da in diesem Jahr meine Mutter zum ersten Mal nicht mit auf dem Sankt Annaberg gewesen ist, da der Gesundheitszustand sie dazu gezwungen hat, die Wallfahrt online zu verfolgen. Dafür waren alle in Schlesien lebenden Enkelkinder mit dabei.

Nicht nur deswegen konnte ich am Sonntag Freude empfinden, sondern auch weil bei der ersten Wallfahrt seit dem schrittweisen Rückgang der Pandemie wir viele gewesen waren. Diese zahlreiche und aktive Teilnahme beschrieb der Oppelner Woiwode Sławomir Kłosowski kurz: „Wie schön ihr singt.“ Doch auch seine Anwesenheit auf meine Einladung hin war ein Grund zu Freude. Alle waren ergriffen, sowohl von der Frömmigkeit, dem Gesang und dem Hineinhören in die Worte, von den Intentionen, die ich die Ehre hatte zu Beginn zu erläutern, über die Predigt Bischof Andrzej Czajas bis hin zu den Worten des Botschafters Arndt Freytag von Loringhoven und des Ministers Błażej Poboży. Die erhobene Atmosphäre der Triade in der Intention „Versöhnung, Freiheit, Erneuerung“ konnte man spüren.

Die Wallfahrt ist immer ein religiöses Ereignis, sehr schlesisch, genau wie schlesisch die hiesige deutsche Minderheit ist, was leider in manchen Ansprachen unbewusst auseinandergerissen wurde. Religiös sind auch ihre Früchte, obwohl die ein Geheimnis bleiben. Es ist aber auch immer ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem die Anzahl der Pilger, die Worte, die gefallen sind, und die anwesenden Gäste analysiert werden. Ich weiß nicht, wie viele wir waren, doch es überwiegt die Meinung, dass nach einer einjährigen Pause und der Zeit der Beschränkungen viele gekommen sind. In der öffentlichen Meinung wurde die zahlreiche und freudige Teilnahme von Jugendlichen, Familien mit Kindern, Fahrradfahrern sichtbar, was von der Lebendigkeit der Gemeinschaft der deutschen Schlesier zeugt. Und man nutzte damit die Freiheit der kulturellen Wahl, die Teil der Intention gewesen ist.

Am schwierigsten war und bleibt immer der Aufruf zur Versöhnung. Und doch wurden die von der Minderheit seit Jahren wiederholten Appelle dazu im Kontext der Tragödie der Kämpfe nach dem Plebiszit am Sonntag erhört. Noch nie lagen so viele identische Kränze auf Gräbern deutscher und polnischer Gefallener des Jahres 1921. Kränze mit Bändern in schwarz-rot-goldenen Farben neben solchen mit gelb-blauen Farben wurden „symmetrisch“ niedergelegt und gedachten der schlesischen Aufständischen und Lemberger Kadetten sowie auf der anderen Seite auf der dem Annaberg gefallenen deutschen Verteidiger. Ein einzelner weiß-roter Kranz mit der Aufschrift „Oppelner Woiwode“ lag nur auf dem polnischen Grab. Schmerzhaft fehlte er auf dem Grab der damals gefallenen Deutschen. An Versöhnung muss also noch gearbeitet werden.

Bernard Gaida

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Mai-Reflexionen

Hinter uns liegt eine von Jahrestagen und Feierlichkeiten erfüllte Woche. Über den Jahrestag des Ausbruchs des III. Aufstandes wurde schon viel geschrieben. Die Maitage sind aber auch Jahrestage des Endes des Zweiten Weltkrieges. Nur wenige Tage trennen diese Jahrestage voneinander und als ich über die Nähe dieser beiden Daten nachgedacht habe, erkannte ich, wie tragisch die Generation meiner Urgroßeltern gewesen ist, die bewusst zwei Weltkriege miterlebt haben, aber auch hier in Schlesien ihre dramatischen Folgen ertragen mussten. Irgendwie waren die Sieger immer weit weg, in Paris, Warschau oder Moskau. Die tragischen Folgen ihrer Siege trafen die einfachen Menschen hier auf schlesischem Boden.

Denn der Ausbruch des III. Aufstandes war unzertrennlich verbunden mit dem Versailler Vertrag, dem es nicht unbedingt gelungen ist, in Europa Frieden einzuführen, wenn schon zwei Jahre nach dessen Unterzeichnung der Aufstand Realität wurde. Heute wissen wir, dass die gemeinsamen Interessen Polens und Frankreichs der Nährboden für den Konflikt waren, doch noch besser zeigt die Schwäche des Vertrages die Tatsache, dass bereits 20 Jahre später in Europa ein noch schrecklicherer Krieg tobte.

In Schlesien endete keiner der Kriege mit Frieden, beide führten zu Grenzverschiebungen, beide zwangen zunächst Hunderttausende, dann Millionen Menschen zur Flucht, Aussiedlung und endeten mit einem Trauma der Vertriebenen. Propagandistische Slogans von einer Befreiung klingen hier also falsch.

Doch diese Gedanken erleichtern mir den Blick auf andere, manchmal unterschätzte und vergessene Maifeierlichkeiten. Wer erinnert sich denn daran, dass am 5. Mai 1949 der Europarat entstanden ist und am 9. Mai 1950 Robert Schumann, damaliger französischer Außenminister, in Paris eine Deklaration aussprach, die zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl führte, dem ersten Stadium der heutigen Europäischen Union. Das zweite Datum ist heute als Europatag bekannt, und es verdient diesen Namen, denn es war eine Gemeinschaft, deren Mitbegründer Staaten waren, die sich noch fünf Jahre zuvor brutal bekämpft hatten.

Vor dem Hintergrund des Europatages, der zu Ehren des Aufbaus von Einigkeit statt Feindschaft, der Überwindung des Hasses und des Ballastes der Vergangenheit, des Baus einer freundschaftlichen Zusammenarbeit ausgerufen wurde, ist die Feier des Ausbruchs eines blutigen, brudermörderischen Konfliktes und sogar eine unreflektierte Glorifizierung dieser Siege ein Anachronismus. Es sei denn, sie sind eine zeitlose, kluge Reflexion über das Opfer aller Gefallenen und eine Warnung vor Hass, Spaltungen und Politikern, die den Frieden und die gesellschaftliche Ordnung stören. Und an solchen fehlt es auch heute nicht.

Bernard Gaida

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Gedenkort 1921

Das aus Sicht des Staates wichtigste Datum der Feierlichkeiten zu 100 Jahren Schlesischer Aufstände, also der Jahrestag des Ausbruches des III. Aufstandes, liegt hinter uns. Das Internet ist voll unterschiedlicher Kommentare. Außerhalb der offiziellen Feierlichkeiten, die ich nur als Radioübertragung gehört habe, nahm ich an diesem Tag am Gedenken auf dem Annaberger Friedhof sowie in Kranowitz teil. Ich denke, bei der Bewertung dieses Tages muss man die symbolischen Feiern, die von der deutschen Volksgruppe in Schlesien und die mit Pomp organisierten offiziellen Feierlichkeiten einander gegenüberstellen. Kann man daraus Lehren für die Zukunft ziehen?

Ich schreibe diese Kolumne natürlich aus der Sicht des VdG, dessen Vorsitzender ich bin und der als Organisation bereits im Jahr 2019 an die staatlichen Organe appellierte zu erkennen, dass damals Schlesier sich gegenüberstanden, aber sowohl die einen als auch die anderen taten es aus Liebe zum Vaterland. In unserer Resolution appellierten wir, die Jahrestage im gesellschaftlichen Einvernehmen und mit Achtung für das Geschichtsbewusstsein der anderen Seite zu begehen sowie in Schlesien einen Gedenkort des damaligen Konfliktes zu errichten, der im Geist der regionalen sowie deutsch-polnischen Versöhnung mit europäischer Perspektive gehalten wäre. Der aus der Umgebung von Rosenberg stammende Bischof Andrzej Czaja zeigte sich mit der Resolution solidarisch, was wir dankbar anerkennen.

Doch die Organisatoren der offiziellen Feierlichkeiten haben den Appell der deutschen Minderheit eher nicht angenommen. Unsere Feierlichkeiten fanden daher parallel statt, jedoch nicht nach dem Modell, dass jeder seiner Opfer gedachte. Denn unsere Delegation erwies die gleiche Ehrbezeigung auf den Gräbern der deutschen Verteidiger Oberschlesiens wie der polnischen Aufständischen. Bei den offiziellen Feierlichkeiten nahm der Appell Gestalt an lediglich in Form eines Gebetes für Gefallene ungeachtet ihrer Nationalität, nicht aber als gleiche Ehrerbietung auch für die Haltung der die Integrität Deutschlands verteidigenden Kämpfer. Mit Oberschlesien innerhalb seiner Grenzen.

Diese Tatsache kann man mit Resignation hinnehmen. Man kann aber auch den Weg der eigenen Bestärkung in der deutschen Identität und des historischen Gedächtnisses Oberschlesiens wählen, um von ihr zeugen zu können. Heute gibt uns die Volkszählung die Möglichkeit eines solchen Zeugnisses. Am Sonntag dagegen, als ich im strömenden Regen zwischen denen stand, die ihr Leben hingegeben haben, um Oberschlesien von Deutschland zu trennen, und denen, die wollten, dass es dort bleibt, fühlte ich, dass wir einen Ort des gemeinsamen Gedenkens bauen müssen, den Schlesien nicht hat. Und dass die Deutschen in Schlesien dazu reif geworden sind. Ein symbolischer Ort, der aller Opfern gedenkt, von der Tragik der Teilung, von Versöhnung in Vielfalt und der in regionaler Gemeinschaft für die Zukunft zeugt. Tun wir es!

Bernard Gaida

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