Katalonien
- geschrieben von Bernard Gaida
- Publiziert in Blogs
Als ich mir Fotos aus den Straßen Barcelonas anschaute, konnte ich nicht glauben, dass dies wirklich geschieht. Ich bin nicht ein Kenner des Rechtssystems Spaniens, der Regeln der Autonomie der dortigen Regionen, oder auch der Geschichte Kataloniens und Spaniens. Ich wundere mich jedoch, wie es möglich sein kann, dass es im Rahmen der Europäischen Union zu solchen Entwicklungen wie Brexit, die Volksabstimmung in Schottland oder der jetzige Versuch einer Volksabstimmung in Katalonien kommt. Wieso wird Europa von solchen Phänomenen erschüttert? Es scheint, dass die ruhige und evolutionäre Vereinigung von Europa, durch Jean Monet und Robert Schuman 1952 durch das Entstehen der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl auf dem Gebiet von sechs Ländern eingeleitet, mit der radikalen Erweiterung nach Osten, die mit dem Eintritt Kroatiens als 28. EU-Mitglied im Jahre 2013 beendet wurde, beschädigt wurde.
Wir wissen doch, dass schon Früher die Länder der Europäischen Gemeinschaft durch Kräfte, die mehr Souveränität für die Regionen fordern, gezerrt wurden. Die Terroranschläge im Baskenland und Nordirland waren nicht vereinzelt. Die Autonomie Südtirols wurde jahrelang doch durch Gewaltakte errungen. Eigentlich wurden all diese Bewegungen beruhigt, indem Konzeptionen breiter Autonomie für die Regionen mit der Bewahrung der territorialen Integrität der jeweiligen Länder und der Bestätigung der Grenzen ausgearbeitet wurden. Gleichzeitig machte das zusammenwachsende Europa mit ihrer Schengen-Zone aus Grenzen immer mehr nur noch symbolische Linien auf der Landkarte. Dabei bleibt innerhalb des vereinigten Europas stets die Frage um die Richtung und das Ende dieses Prozesses.
Aus der Zeit vor dem Beitritten erinnern wir uns an Debatten in Polen: ist das Ziel ein Europa der Länder, oder ein Europa der Regionen? Wir wissen, dass in Schlesien eine natürliche Mehrheit von uns Schlesiern von der Konzeption eines Europas der Regionen, mit abnehmender Rolle der Länder, begeistert war. Obwohl diese Debatte sowohl bei uns, wie auch in den europäischen Machtzentren verstummte, bleibt diese Frage. Befürworter der steigenden Souveränität der Regionen beschränken diese nicht auf die finanziell-wirtschaftliche Regionalpolitik der EU. Ihr Traum ist eine Ergänzung der wirtschaftlichen Aspekte um kulturelle Autonomie, die eine Entwicklung der Identität ermöglicht. Es scheint, dass das Fehlen klarer Richtungen weiterer Integration und zentralistische Tendenzen, besonders in unserem Teil des Kontinents dazu führen, dass Regionen mit starker Identität, beunruhigt durch das abbremsen des natürlichen Prozesses der Weiterleitung von Kompetenzen an die Regionen, auf eigene Faust ihren Rang erhöhen möchten. Ohne Einverständnis der ganzen EU auf weitere Integration werden zentrifugale Tendenzen in Mitgliedsstaaten immer wieder an ihr zerren. Leider nicht immer ohne Bluterguss.